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DIE SCHLAMPAGNE

© Schlampagne (07.01.04)


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"Liebe in Freiheit - Leben in Netzen" - Die Kampagne gegen die Homo-Ehe

Während im Spätsommer 1999 überall heftig das Für und zaghafter das Wider der Homo-"Ehe" diskutiert wurde, tummelten sich im Regensburger Stadtparkbrunnen einige widerständige Lesben, die sich und ihre Art Beziehungen zu leben, weder in noch zwischen den Buchstaben der Gesetzesvorschläge wiederfanden. Sie nannten sich Schlampen und "gründeten" die Schlampagne. - Zwei Mitbegründerinnen - Jule Blum & Elke Heinicke - veröffentlichten im Herbst 2003 das Buch "Die Schlampen kommen!" und besuchen nun Wiener Frauenräume.



ir sind Schlampen.
Unsere Liebsten sind Schlampen. Und das ist gut so, denn sonst gibt's immer nur Ärger. Unsere Freundinnen sind Schlampen. Und auch das ist gut so, denn sonst gibt's 'ne Menge Gerede.

Während im Spätsommer 1999 überall heftig das Für und zaghafter das Wider der Homo-"Ehe" diskutiert wurde, tummelten sich im Regensburger Stadtparkbrunnen einige widerständige Lesben, die sich und ihre Art Beziehungen zu leben, weder in noch zwischen den Buchstaben der Gesetzesvorschläge wiederfanden.

Wir wollten anderes, wir wollten mehr. Wir wollten alles und sofort. Wir hatten uns (zusammen)gefunden und waren euphorisch, hatten wir doch vorher allzu oft das Gefühl, die einzigen unserer Art zu sein. Wir nannten uns Schlampen und "gründeten" die Schlampagne.
Es begann eine stürmische Zeit, in der wir endlos diskutierten, Artikel, Aufsätze, Gedichte, Lieder, Geschichten und Flugblätter schrieben, Vorträge hielten, uns ver- und entliebten und kreuz und quer durchs Land reisten. Wir entwarfen die Theorien zu Beziehungsnetzen und Mehrfachbeziehungen, füllten sie mit Leben und lebten sie in Fülle. Manchmal überholte uns das Leben. Es war nicht nur einfach, aber vieles ließ sich in langen Gesprächen ordnen.

Wir lernten unermüdlich, hatten oft das Gefühl, alles sei möglich.

Was nicht möglich war: die Wunden zu heilen, die vorher geschlagen worden waren.
Eine unserer Geliebten und Mitschlampen, Gita Tost, hat aufgegeben. Sie überlebte die Folgen von Missbrauch und sexualisierter Gewalt nur bis zum 19. Januar 2000. Ihr Tod hat uns alle und unsere Arbeit verändert.
Zu Beginn war die Schlampagne Mittelpunkt im Beziehungsnetz, theoretisches Forum und Aktionsplattform in einem. Wir erregten Aufsehen, wurden wahrgenommen.
 
Heute überwiegt der Aspekt des theoretischen Forums, die Schlampagne beschreibt ein Modell von Beziehungsnetzen. Unser Leben hat sich verändert, der Reichtum in unseren Beziehungen ist noch da. Wir sind Schlampen geblieben.
Und Aufsehen erregen wir immer noch...

Bis 2001 gab es die fünf Schlampentreffen in Regensburg, Heidelberg, Leipzig, Berlin und noch mal in Heidelberg, zu denen viele Interessierte kamen. Noch viel mehr kamen zu unseren Vorträgen und Workshops in vielen Städten. Mit ihren Fragen und Diskussionsbeiträgen prägten auch sie die Schlampagne. Ihnen und unseren Mitstreiterinnen danken wir sehr!
Inzwischen haben wir unsere Schlampengeschichte zu einem Buch zusammengeschrieben, gewissermaßen ein Tagebuch unserer Schlampengeschichte: Artikel, Glossen, Scripte im Wechsel mit Kurzgeschichten von und über Schlampen.

Einen Auszug aus unserem Buch "Die Schlampen kommen! Ein Lesebuch" stellen wir euch hier vor:

Achtung, Schlampenalarm!

a hat sich nun eine Handvoll Lesben zusammengefunden, um die Idee der Homoehe als unbrauchbare anpasslerische Variante zu verwerfen und eigene Beziehungsutopien zu spinnen, kühn wie die Ahninnen der 70-iger Jahre.
Hierarchiefreie Beziehungen in Netzen - erträumt und in Ansätzen schon gelebt - lassen sich in Artikeln und Vorträgen darstellen. Aber ganz ehrlich: Welche möchte sich denn als "in hierarchiefreien Netzen lebende Lesbe" vorstellen und welche kann sich überhaupt mit diesem Wortungetüm identifizieren?
Um unsere Utopien greifbarer zu machen und das von uns Gelebte endlich sichtbar werden zu lassen, wollten wir uns einen Namen geben. Und wir hatten die Unverfrorenheit, uns Schlampen und unsere Bewegung Schlampagne zu nennen.

Etymologisch geht das Wort Schlampe zurück auf den Begriff für ein loses, weites (ergo: bequemes) Gewand mit Schleppe, das von Frauen und Männern [sic!] gleichermaßen getragen wurde. Später wurde das Wort auf die Trägerin bzw. den Träger solcherart Kleidung übertragen. Erst mit der Wandlung des Frauenbildes im 16./17. Jahrhundert wurde Schlampe nur noch für Frauen verwendet und erhielt eine negative Konnotation. Die Schlampe wurde jetzt eine "unordentliche" Frau und außerdem mit der Komponente "sexuell freizügig lebende" versehen.
Wenn ich den Text des aktuellen Dudens mit wachem Sinn lese, erschließt sich schnell, welcher Typ Frau Schlampe genannt wird: Eine sich nicht um Normen, schon gar nicht um männliche Normen, scherende Frau, stark und selbstbestimmt, sinnlich und unangepasst. Ist es nicht mehr als berechtigt, diese Vokabel aus der Schimpfwortecke zu befreien?
Schlampe ist ein emotional starkes Wort, das kaum Eine kalt lässt. Für die Adressatin kann es vernichtend sein, als solche bezeichnet zu werden. Aber in Vielen bringt es auch wollüstige Töne zum Schwingen.

Welche möchte nicht insgeheim eine Schlampe sein und tun, was, wann, wo und mit welcher sie Lust dazu hat?

Die Wortverwandtschaft der Schlampe mit Schlamm, schlafen, schlemmen und gar mit dem Schlaraffenland machen solche Wünsche nur zu verständlich.
Diffamierendes zur Selbstbezeichnung der diskriminierten Gruppe zu verwenden, ist längst nicht mehr neu (Lesbe, Schwarze, Hexe), offensichtlich aber unheimlich wirkungsvoll:
Konntet ihr keine bessere Bezeichnung finden? Das ist reine Provokation! Das stößt ab. Das macht euch unseriös...die Liste ließe sich noch eine Weile fortsetzen.
Na und? Zumindest werden die Schlampen wahrgenommen und manche kontroverse Diskussion haben sie auch schon ausgelöst. Mir scheint das ein vielversprechender Anfang zu sein.

Aber so sehr unsere Benennung auch kritisiert wird, ist die Schlampe doch vielerorts ganz plötzlich ohne großes Aufsehen salonfähig geworden. Werfe ich einen Blick in lesbisch/schwule Szeneblätter, Kontaktanzeigen, Barofferten, Konzertankündigungen, dann kann ich die Schlampen kaum mehr übersehen. Da haben wohl auch andere entdeckt, dass die Konnotation des Wortes Schlampe tief in uns allen schlummernde, versteckte Sehnsüchte anspricht. Allerdings zielt die Spezies der hier anzutreffenden Schlampen weniger auf politische Provokation als auf direktem Wege in genitale Bereiche. Schlampen leben flüchtige Beziehungen, immer - und oft ausschließlich - sexueller Natur. Have SEX, have FUN, denk nicht weiter nach - schließlich hat das postfeministische Zeitalter längst begonnen. Kritische Stimmen gegen die Verwendung des Begriffs Schlampe sind mir in diesem Zusammenhang noch nicht zu Ohren gekommen.

Könnte es damit zu tun haben, dass die schlampigsten Schlampen zwar aufregende Sachen im Bett erleben, aber ansonsten brave Bürgerinnen sind, die selbst die Homoehe-Privilegien nicht verschmähen würden? Ein Seitensprung von Zeit zu Zeit macht doch erst die Würze der Ehe aus, schließlich reizen verbotene Früchte bekanntlich mehr?

Auch in der Heterowelt begegnen uns Schlampen:
Die rosenstolzen Zuckerschlampen tingeln nun schon einige Jahre durchs Land, Milena Moser hat uns ein "Schlampenbuch" beschert, und beim Stöbern in meiner Lieblingsbuchhandlung fand ich neulich gar zwei Schlampenkochbücher mit schnellen, einfachen und trotzdem leckeren Rezepten. Die Schlampe ist nämlich eine chaotische Zeitgenossin, die nicht auf Putzen, Kochen oder das Spülen danach steht. Sie lebt von Fastfood oder schlemmt in teuren Restaurants, die weißen Blusen verfärbt sie regelmäßig in der Waschmaschine, aber in der Lieblingsboutique gibt es unbegrenzt Nachschub. Schlampe zu sein, setzt scheinbar eine gewisse Einkommensklasse voraus, Schlampigsein als bürgerlicher Luxus. Ein neues Frauenbild? Weniger, denn auch die schlampigste Schlampe trägt eine makellos weiße Bluse, sonst wäre der das Schlampigsein erst ermöglichende Job womöglich futsch.

Und auch die schlampigste Schlampe wird in den meisten Geschichten irgendwann von einem Prinzen heimgeführt.

Für mich fügt sich diese Schlampe eher dem Zeitgeist: ist den Götzen Konsum und Tempo verfallen. Hip, aber nicht sonderlich aufregend.

Schlampen, wohin ich schaue - und doch schwimmen so viele mit dem Strom.
Schlampen, wo seid ihr?


Jule Blum & Elke Heinicke
Die Schlampen kommen!
Ein Lesebuch mit Illustrationen von Elke Heinicke

BoD - Books on Demand, 2003
136 Seiten, Paperback, laminiert
€D 9,80 / €A10,10 / sFr 17,30
ISBN 3-8334-0030-7


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Ein Buch über Frauenbeziehungen
- zur Liebsten, zur Freundin, Kollegin, zur Wahl- oder auch zur Herkunftsfamilie.
Beziehungen, die lustvoll, autark und verbindlich sein können.

Erotische Geschichten, Glossen und Ernsthaftes:
eine bunte Sammlung für alle, die uns durchs Schlamping-out begleiten
und der Schlampe in sich auf die Spur kommen wollen.

Autorinnenporträts des Verlags

Vom 16.-18.1.2004 ist die "Schlampagne" in Wien
FR. 16.1.04. - Lesung - FZ-BAR
SA. 17.1.04. - Workshop - Frauenhetz
SO. 18.1.04. - Diskussion & Frühstück - FZ-2.Stock

WEITERFÜHRENDES:


Ilona Bubeck (Hgin.):
Unser Stück vom Kuchen?
Zehn Positionen gegen die Homo-Ehe

Querverlag, Berlin 2000
146 Seiten
€ 12,50
ISBN: 3896560506




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